Aachener Suermondt-Ludwig-Museum erinnert an seinen Namenspatron

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Eine Charakterstudie: Der Mann mit Nelken (um 1520), den ein unbekannter Künstler nach einem verlorenen Werk von van Eyck malte.

AACHEN - Gleich spricht er uns an, der nicht mehr ganz junge Mann auf dem wundervollen Gemälde in dem Gewand mit dem so flauschigen Pelzbesatz, der silbernen Kette und den Blümchen in der Hand. Das Bild wurde noch 1909 als Gegenstück zur Mona Lisa gepriesen. Und die Königlichen Museen zu Berlin zahlten dafür 1874 den stattlichen Preis von 17 500 Talern. Man hielt die Tafel für ein Werk von Jan van Eyck.

Vielleicht hat der flämische Meister ein ähnliches Bild gemalt. Den Schöpfer des „Mannes mit den Nelken“ kennen wir heute nicht. Fest steht nach Untersuchungen des Holzes nur, dass das Bild lange nach van Eycks Tod entstand, im frühen 16. Jahrhundert. Aber wie auf der Tafel all die Falten des vierschrötigen Kerls, wie die Adern auf seinen Händen notiert sind, wie die Bewegung gleichsam aus dem gemalten Bildrahmen heraus zu uns eingefangen ist, das zeugt von einem talentierten Künstler. Das Porträt ist im Aachener Suermondt-Ludwig-Museum zu sehen, in der Ausstellung „Gestatten, Suermondt!“.

Das Haus erinnert damit an seinen ersten Namenspatron, den zweiten Ehrenbürger Aachens, einen erfolgreichen Unternehmer und einen Sammler, der zeitweise geradezu in einen Kaufrausch verfiel und dessen 200. Geburtstag zu feiern ist. Barthold Suermondt (1818–1887), geboren in Utrecht, heiratete in die Fabrikantenfamilie Cockerill ein. Er leitete Bergwerke in der Region Aachen-Lüttich, engagierte sich aber auch in der Verhüttung und Stahlproduktion in Meiderich. 1847 gründete er ein Bankhaus in Aachen. Und er entwickelte einige Jahre später Appetit auf Kunst. Mehr als 400 Bilder alter Meister listet der Katalog der Ausstellung auf, hinzu kamen noch rund 60 Bilder des 19. Jahrhunderts, Gegenwartskunst, zum Beispiel Porträts von Suermondt und seiner Frau. Suermondt bereiste Europa, kaufte in Paris und Brüssel ein, beraten von Experten, die er damals kennen lernte, wie dem Maler Ludwig Knaus und dem Kunsthistoriker Etienne-Josep-Théophile Thoré. Er arbeitete sich ein, wurde selbst zum Kenner vor allem für die niederländische Malerei des Goldenen Zeitalters, also des 17. Jahrhunderts. So erwarb er Meisterwerke von van Eyck, Rembrandt, Rubens, Frans Hals und vielen mehr. Suermondt arbeitet übrigens systematisch daran, den Wert seiner Sammlung zu sichern, wenn möglich zu steigern. Er ließ sie in Katalogen aufarbeiten, organisierte Ausstellungen und schickte eins seiner Prunkstücke, den „Höllensturz der Verdammten“, den er für ein Werk von Rubens hielt, nach München, damit er neben dem ausgeführten Altarbild des Meisters gezeigt und somit verglichen werden konnte. Heute weiß man, dass nicht Rubens selbst, sondern sein Mitarbeiter Jan Boeckhorst das Bild gemalt hat.

Die Geschäfte gingen freilich nicht immer gleich gut, und beim Börsenkrach von 1873 drohte Suermondt die Pleite. So sehr er seine Bilder auch liebte, er entschloss sich zum Verkauf. Und Wilhelm Bode, Leiter der Königlichen Museen in Berlin, ergriff die Chance, die Berliner Sammlung aufzuwerten, damit sie neben den fürstlichen Beständen in München und Dresden bestehen konnten. 230 Gemälde und 400 Zeichnungen gingen für 340 000 Taler nach Berlin. Noch heute profitiert die Hauptstadt von Suermondts Spürnase und Notlage: Mehr als 70 der damals erworbenen Gemälde sind in der Dauerausstellung der Gemäldegalerie. Und wenn auch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz großzügig 30 Gemälde für die Aachener Schau auslieh, so sind doch einige Glanzstücke an der Spree geblieben wie Jan van Eycks „Madonna in der Kirche“, Jan Vermeers „Junge Dame mit Perlenhalsband“, Frans Hals‘ „Malle Babbe“.

Bei aller Kennerschaft hat sich Suermondt oft geirrt, neben dem echten zum Beispiel eine ganze Reihe falscher Vermeers gekauft. Die niederländische Malerei wurde damals wieder entdeckt, insbesondere die weniger bekannten Meister waren selbst für Fachleute nicht sicher zu bestimmen, zumal moderne Hilfsmittel wie Spektralanalyse der verwandten Farben und Dendrochronologie noch nicht zur Verfügung standen. Aber oft genug traf er auch und erwarb manchmal für kleines Geld Bilder, die später ein Vielfaches wert waren. Seinen ersten Frans Hals zum Beispiel, das wunderbar lebendige Porträt des singenden Knaben mit Flöte, erstand er 1856 für 61 Gulden. Das Bild ist in Aachen zu sehen. Zehn Jahre später zahlte er für Hals‘ „Malle Babbe“ bereits 1660 Gulden.

Die Sammlung Suermondts zeugt von bürgerlichem Geschmack. Er sammelte vor allem alltägliche, profane, auch erzählerische Bilder: Porträts, Genreszenen, Stillleben, Landschaften. Weder Historienbilder noch sakrale Motive spielen eine große Rolle.

Der Besucher kann in Aachen eine Reihe großartiger Bilder bewundern, die dort schon einmal zu Hause waren. Gleich im ersten Saal zum Beispiel ist Rembrandts „Alter Mann mit Bart und Barett“, in dem man bestaunen kann, wie Rembrandt mit dem Licht modellierte, wie er Hände und Gesicht zum Leben erweckte, wie er die Textur von Stoff, Pelz, der Goldkette herbeizauberte. Oder die herrliche Ansicht von Haarlem (um 1670) von Jacob Isaaksz van Ruisdael. Oder Jan Steens lebhafte Genreszene „Streit beim Kartenspiel“ (um 1664/65). Und das Porträt eines Manns aus der Kölner Familie Wedigh, das Hans Holbein 1533 schuf.

Man sieht auch das brillante Trompe l‘oeil mit Rotdrosseln, das Melchior de Hondecoeter schuf. Darin malte er nicht nur hyperrealistisch die toten Vögel vor Brettern, sondern gaukelt auch noch kleine Kreidezeichnungen auf dem Holz vor. Das Bild liebte Suermondt so sehr, dass er es nicht nach Berlin gab. Ganz ohne Kunst konnte er nicht sein. Und als es ihm finanziell wieder besser ging, da begann er erneut zu sammeln. So entstand eine neue Kollektion, nicht mehr ganz so qualitätvoll wie die erste, aber immer noch hochwertig, mit Prachtstücken wie Frans Snyders‘ tragische Allegorie „Käuzchen als Lockvogel“. Auch der „Höllensturz“ von „Rubens“ blieb in Aachen. Bode fand das Bild zu teuer. Diese zweite Sammlung schenkte der Mäzen in mehreren Tranchen der Stadt Aachen, sie war der Grundstock des Museums, das noch immer Suermondts Namen trägt.

Bis 17.6., di – so 10 – 17 Uhr,

Tel. 2041 / 479 8040, www. suermondt-ludwig-museum.de, Katalog, Belser Verlag, Stuttgart, 39,90 Euro

Quelle: wa.de

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