„Der Club der singenden Metzger“, ARD

Ein Leben in diesem Amerika

Neuanfang in Amerika: Fidelis Waldvogel (Jonas Nay) mit Ehefrau Eva (Leonie Benesch), ihrem Sohn (Mark Đurđević) und der deutschen Auswanderin Delphine (Aylin Tezel, hinten), die zur Familie gehört.
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Neuanfang in Amerika: Fidelis Waldvogel (Jonas Nay) mit Ehefrau Eva (Leonie Benesch), ihrem Sohn (Mark Đurđević) und der deutschen Auswanderin Delphine (Aylin Tezel, hinten), die zur Familie gehört.

Das packende, stille Auswandererdrama „Der Club der singenden Metzger“.

Der unselige Titel führt im Fernsehen womöglich auf die falsche Fährte, geht aber auf Louise Erdrichs Roman zurück: „The Master Butchers Singing Club“ (2003). Und die Handlung ist so überzeugend und durch ein so ausgezeichnetes Ensemble präsentiert, dass sich beim Zuschauen ein weites Feld zum Mitdenken auftut. Der Zusammenhang zwischen dem syrischen Konditor, der 2019 auf einem hessischen Wochenmarkt Süßwaren nach heimischen Rezepten verkauft – kürzlich hier vorgestellt* –, und dem schwäbischen Metzger Fidelis Waldvogel, der 1920 in Argus, North Dakota mittels geheimer Würzmischung mit seinen Würsten die Kundschaft begeisterte, ist so offensichtlich, dass er nicht betont werden muss.

Parallelen zur heutigen Zeit 

Auch die Unterschiede sind offensichtlich. Fidelis ist bloß dem Trübsinn und der wirtschaftlichen Misere der Nachkriegszeit entronnen. In Amerika wird sein Meisterbrief belächelt, nicht weil es ein deutscher Meisterbrief ist, sondern weil der Konkurrent selbstverständlich ohne offiziellen Abschluss seinem Handwerk nachgeht. Die Konditorenausbildung des Syrers wird in Deutschland nicht anerkannt, einen eigenen Laden kann er nicht eröffnen, und sei er so bescheiden wie der Waldvogelsche, eine Bretterbude im Nirgendwo.

Gerade nämlich, weil sie es so gar nicht darauf anlegen, gelingt es den Drehbuchautorinnen Doris Dörrie und Ruth Stadler zusammen mit dem Regisseur Uli Edel, eine Geschichte zu erzählen, die weit über sich hinausweist: Zu denen, die aufbrechen, weil sie sich sagen, dass sie etwas Besseres als den Tod überall finden. Zu denen, die dafür eine Einsamkeit riskieren – ohne Sprache, ohne Halt –, die Fidelis so beschreibt: Er komme sich manchmal vor, als sei er der Mann im Mond. Zu denen aber auch, die sich tatsächlich ein zweites Leben aufbauen können, ohne dass sie deshalb ihre Muttersprache oder ihre kulturellen Vorlieben aufgeben würden. Im Gegenteil zeigt sich in „Der Club der singenden Metzger“ die berüchtigte Beharrlichkeit deutscher Ausgewanderter, was ihre Sprache, ihre Gewohnheiten, ihr Essen, auch was die Sekundärtugenden betrifft. Natürlich öffnet der Waldvogelsche Laden morgens mit dem Glockenschlag.

Nicht einmal ein Laienmännerchor nervt

Louise Erdrich nahm für ihren Roman die eigene Familie zum Vorbild. Das Drehbuch folgt seinen eigenen Interessen – macht zum Beispiel auch aus Delphine, der weiblichen Hauptfigur, eine Migrantin, um das Panorama der Zuwanderung zu erweitern. 

Sylvester Groth (Rolle Robert, l-r), Aylin Tezel (Rolle Delphine) und Jonas Nay (Rolle Fidelis Waldvogel) in einer Szene aus "Club der singenden Metzger".

Das Drehbuch will uns auch zum Schluchzen bringen. was ihm problemlos gelingt. Aber über allem steht eine kühle Geradlinigkeit, steht das Schicksal, das zuhaut und inklusive des (romanfernen) Endes allem drohenden Kitsch abhold ist. Nicht einmal ein Laienmännerchor, der Volkslieder singt, muss einem auf die Nerven gehen. Es klingt schön, vielleicht etwas zu schön, um wahr zu sein.

Die Introvertierten

Fidelis, der vor Ernst und Konzentration – sein Beruf interessiert ihn sehr – manchmal sympathisch dumm aussehende Jonas Nay (der übrigens auch an der eher coolen Musik beteiligt ist), kehrt traumatisiert aus dem Weltkrieg zurück, der später der Erste genannt wird. Er heiratet die schwangere Verlobte eines toten Mitkämpfers, Leonie Benesch. Auch Zirkuskünstlerin Delphine, Aylin Tezel, bricht mit ihrem alkoholkranken Vater, Sylvester Groth, „in dieses Amerika“ auf. Alle vier spielen so introvertiert, wie es Inszenierungen selten ermöglichen.

Lesen Sie bei auch  fr.de* unsere TV-Kritik zu „Untern Birmbaum“

In Argus treffen sie scheußliche, aber auch erstaunlich nette Leute: Das mag die vielgerühmte Siedlermentalität sein. Tragisch am Rande zwei Lakota (Ursa Raukar und Vladimir Korneev). Sie sind – mitten in der geraubten Heimat – die wirklich Verlorenen, so heillos verloren, dass sich selbst diese zartfühlende Geschichte nur flüchtig mit ihnen beschäftigt.

Von Judith v. Sternburg

„Der Club der singenden Metzger“

„Der Club der singenden Metzger“, ARD, Fr., 20.15 Uhr (zwei Teile hintereinander weg).

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