Schutz von Risikogruppen

Lockdown keine Lösung: Virologe Hendrik Streeck hat eigenen Fahrplan zur Corona-Bekämpfung

Virologe Hendrik Streeck hat sich gegen die jüngsten Corona-Maßnahmen ausgesprochen, die die Bundesregierung am Mittwoch verkündete. Der Lockdown 2.0 sei nicht sinnvoll.

Hamm - Hendrik Streeck ist Professor für Virologie und Direktor des Institutes für Virologie und HIV-Forschung an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn. Seit der Corona-Pandemie ist er gefragter denn je und sein Gesicht regelmäßig in den Medien zu sehen. Denn seine Expertise ist gefragt.

Virologe Hendrick Streeck
FunktionProfessor für Virologie und Direktor
UniversitätMedizinische Fakultät der Universität Bonn
Geburtsdatum7. August 1977 (43)

Virologe Streeck gegen Corona-Lockdown: Positionspapier vorgelegt

Nun hat sich der 43-jährige Virologe ausdrücklich gegen die von Angela Merkel verkündeten Maßnahmen beim Corona-Gipfel am Mittwoch ausgesprochen. „Die Maßnahmen sind angemessen, erforderlich und gerechtfertigt“, sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel über den Lockdown. Hendrik Streeck findet das nicht.

Der Virologe hat nun gemeinsam mit Vertretern von Wissen- und Ärzteschaft ein eigenes Positionspapier vorgelegt, in dem die Top-Mediziner vor allem für Gebote und gegen Verbote plädieren. Die Forderungen legten Streeck und Co. noch vor dem Corona-Gipfel am Mittwoch vor.

In dem vorgelegten Positionspapier stützen sich die medizinischen Vertreter vor allem auf vier Kernthesen, die Streeck zufolge einen angemessenen Fahrplan im weiteren Corona-Krisenmanagement darstellen. Die vier Themen im Überblick:

  • Abkehr von der Eindämmung alleine durch Kontaktpersonennachverfolgung.
  • Einführung eines bundesweit einheitlichen Ampelsystems anhand dessen sowohl auf Bundes- als auch auf Kreisebene die aktuelle Lage auf einen Blick erkennbar wird.
  • Fokussierung der Ressourcen auf den spezifischen Schutz der Bevölkerungsgruppen, die ein hohes Risiko für schwere Krankheitsverläufe haben.
  • Gebotskultur an erste Stelle in die Risikokommunikation setzen.

Virologe Streeck gegen Corona-Lockdown: Abkehr von der Eindämmung alleine durch Kontaktpersonennachverfolgung

Die erste These erklärt sich im Grunde von selbst. Aktuell gehe laut Hendrik Streeck und den Ärzte-Vertretern ein wesentlicher Teil der Bekämpfung der Corona-Pandemie mit der Nachverfolgung der Kontakte von infizierten Personen einher. Das werde sich mit einem zweiten Lockdown nicht ändern - eher im Gegenteil.

Dazu führt Streeck ein konkretes Beispiel an: „Bereits im Sommer konnte bei niedrigen Fallzahlen das Infektionsgeschehen nicht vollkommen nachverfolgt und eingedämmt werden.“ Nun befürchtet der Virologe saisonal bedingt im Herbst und Winter noch deutlich größere Probleme bei der Kontaktnachverfolgung.

Top-Virologe Hendrik Streeck spricht im Zuge eines erneuten Lockdowns von einer sozialen Schieflage.

Virologe Streeck gegen Corona-Lockdown: Einführung eines bundesweit einheitlichen Ampelsystems

Die steigenden Corona-Fallzahlen würden demonstrieren, dass die Coronavirus-Pandemie nicht mehr ausschließlich im Rahmen einer Kontaktnachverfolgung einzudämmen sei. Genau deshalb plädieren die Unterzeichner des vorgelegten Papiers für ein bundesweit einheitliches Ampelsystem - statt eines Lockdown.

An einem Ampelsystem ließe sich die Lage auf einen Blick erkennen und bewerten. Es soll sich allerdings nicht allein auf die Zahl der Corona-Neuinfektionen je 100.000 Einwohner in sieben Tagen beschränken, sondern auf „alle relevanten Kennzahlen, wie Infektionszahlen, Anzahl der durchgeführten Tests, stationäre und intensivmedizinische Behandlungskapazitäten“, heißt es in dem Papier.

Mithilfe genau dieses Ampelsystems könnten Bund und Länder im Anschluss „klar kommunizieren, wie die aktuelle Situation aussieht, mit welchen Entwicklungen zu rechnen ist und mit welchen Maßnahmen darauf reagiert werden sollte“.

Virologe Streeck gegen Corona-Lockdown: Fokussierung auf Risikogruppen

Als ein besonders wichtiges Argument für dieses Ampelsystem statt dem Lockdown führt Streeck den Umgang mit Risikogruppen an. Deren Gefährdungslage könne so frühzeitig identifiziert werden.

Schon seit Beginn der Corona-Pandemie plädiert Hendrik Streeck dafür, den Schutz der Risikogruppen mehr in den Fokus zu rücken. Um die unfreiwillige Isolation von Risikopersonen zu verhindern, legen die Mediziner etwa nahe, dass Besucher von Pflege- und Seniorenheimen nur nach negativem Antigen-Schnelltest einen Zutritt bekommen. Auch das Pflege-, Medizin- und Reinigungspersonal müsse demnach regelmäßig getestet werden.

Virologe Streeck gegen Corona-Lockdown: Gebotskultur an erste Stelle

Als letzten Punkt im Thesenpapier führen Streeck und seine Mitstreiter an, dass die Politik nicht zu sehr auf Verbotskurse aus sein sollte, sondern eher die Bevölkerung zur Mitarbeit motivieren. Gebote statt Verbote soll heißen: Nicht ausschließlich Fallzahlen sollen nicht als Basis für Entscheidungen in der Politik dienen.

Weil es trotzdem eine Bereitschaft der Bürger zum Mitmachen brauche, um Corona zu bekämpfen, sollen diese stärker motiviert werden. Gebote seien ertragreicher als Verbote, da diese nicht Angst und Panik, sondern Mut demonstrieren würden. „Hoffnung ist ein besserer Partner als Verzagtheit“, heißt es in dem Positionspapier, über das auch Ruhr24.de* berichtet.

Fr.de* berichtet in einem Interview mit Hendrik Streeck über dessen Haltung in der Corona-Pandemie. Darin stellt der 43-Jährige unter anderem klar, dass ein Impfstoff nicht automatisch gleichbedeutend ist mit dem Ende der Corona-Pandemie.

Virologe Streeck gegen Corona-Lockdown: „Niedergang ganzer Wirtschaftszweige“

Dieser Standpunkt zeigt sich auch im Thesenpapier. „Wir müssen uns ehrlich eingestehen: Dieses Virus wird uns die nächsten Jahre begleiten. Auch ein Impfstoff wird nur ein Mittel unter vielen zur Bekämpfung der Pandemie sein“, schreiben Streeck und die übrigen medizinischen Vertreter, die sich skeptisch gegen den aktuellen Lockdown-Kurs äußern.

„Wir erleben bereits die Unterlassung anderer dringlicher medizinischer Behandlungen, ernstzunehmende Nebenwirkungen bei Kindern und Jugendlichen durch soziale Deprivation und Brüche in Bildungs- und Berufsausbildungsgängen, den Niedergang ganzer Wirtschaftszweige, vieler kultureller Einrichtungen und eine zunehmende soziale Schieflage als Folge“, heißt es im Thesenpapier. - *Fr.de und Ruhr24.de sind Teil des Ippen-Digitalnetzwerks.

Rubriklistenbild: © Federico Gambarini / dpa

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