Berechnung der Sterblichkeit

Corona doch viel gefährlicher? Experte überrascht mit Fazit: „Mindestens zehnmal so tödlich wie die Grippe“

Ein Teilnehmer der Kundgebung „Mahnwache für das Grundgesetz“ hält ein Schild mit der Aufschrift „Corona = normale Grippe!“.
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Der Epidemiologe Rod Jackson widerspricht dem Schild auf dem Bild und erklärt, dass Covid-19 mindestens zehnmal so tödlich ist wie die Grippe. (Archivbild)

Der Epidemiologe Rod Jackson nennt mehrere Gründe für die Unstimmigkeiten in der Bewertung der Corona-Sterblichkeit. Zudem zieht er einen Vergleich zur Grippe.

  • Die Gefährlichkeit des Coronavirus* wird von vielen Experten anhand der Sterblichkeit bewertet.
  • Der Epidemiologe Rod Jackson erklärt die Gründe für Unstimmigkeiten bei der Berechnung.
  • Sein Vergleich mit der Grippe fällt deutlich aus: Covid-19* sei mindestens zehnmal so tödlich.

Auckland/München - Wie gefährlich das Coronavirus für den Menschen ist, wird von vielen Experten häufig nicht nur an den Infektionszahlen, sondern auch an der Sterblichkeitsrate festgemacht. Wie hoch der Anteil an Verstorbenen tatsächlich ist, ist bislang allerdings unklar. Der neuseeländische Epidemiologe Rod Jackson von der University of Auckland erklärt drei Gründe für Fehler in der Berechnung der Sterblichkeit und Lösungsansätze.

Vor allem zu Beginn der Pandemie hielten einige Experten das Coronavirus für nicht gefährlicher als die Grippe. Inzwischen gibt es weltweit viele Studien zu Sars-CoV-2*, die meisten davon sehen Corona nun als deutlich gefährlicher an. In den USA gibt es eine Studie, die Corona für bis zu 16-mal tödlicher hält als die Grippe. Der Epidemiologe Jackson ist in seinem Gastbeitrag für den New Zealand Herald der Frage nachgegangen, warum es zu Unstimmigkeiten in der Bewertung der Infektionssterblichkeit kommt und wieso die Zahlen zwischen verschiedenen Ländern schwanken.

Corona: Experte erklärt Unstimmigkeiten in der Bewertung der Sterblichkeit

Ein Grund dafür ist, dass die Zähler und Nenner der Sterblichkeit nicht genau bekannt sind. Für die Berechnung der Sterblichkeitsrate benötigt man den Anteil der Corona-Infizierten, die infolge der Infektion gestorben sind. Die Zahl der Todesfälle wird also durch die Zahl der Infizierten geteilt. Jackson schreibt, dass das zwar einfach klinge, Informationen zu diesen beiden Zahlen allerdings schwer zu finden seien.

Durch die hohe Dunkelziffer könne man nicht klar sagen, wie viele Menschen tatsächlich infiziert seien. Zudem sei in vielen Fällen nicht klar, ob jemand mit oder an einer Infektion stirbt. Oftmals könne das erst bei einer anschließenden Obduktion aufgeklärt werden. Der Epidemiologe erklärt auch, dass es sich nicht um eine Infektionssterblichkeitsrate, sondern einen Infektionssterblichkeitsanteil handle. Eine Rate erfordere in der Epidemiologie eine zeitliche Komponente.

Jacksons Lösungsansatz für dieses Problem sind groß angelegte und repräsentative Tests. Um den wahren Nenner der Corona-Infektionen abzuschätzen brauche es nicht nur Tests auf Sars-CoV-2, sondern auch auf Antikörper*.

Corona: Verwechslung von bestätigten Infektionen mit tatsächlichen Fällen als Berechnungs-Problem

Ein weiteres Problem bei der Berechnung der Sterblichkeit sei die Verwechslung von bestätigten Infektionen mit den tatsächlichen Fällen. Jackson erklärt, dass zwar beide Berechnungen den selben Zähler, aber unterschiedliche Nenner verwenden. Der Epidemiologe führt aus: „Einige Menschen haben keine Symptome, viele weitere Infektionen werden aus anderen Gründen nicht gemeldet.“

Er nennt ein Beispiel: Von 100 Corona-Infizierten könnten nur 50 Symptome* aufweisen. Wenn sich diese melden, und positiv getestet werden, beträgt die Gesamtzahl der registrierten Fälle 50. Stirbt nun einer dieser Fälle, liegt der Sterblichkeitsanteil bei zwei Prozent. Tatsächlich beträgt er aber ein Prozent, da es ja 100 Corona-Infizierte sind.

Im Video: Coronavirus - Drosten berichtet von erschreckender Studie zur Sterblichkeit

Coronavirus: Vergleich zu anderen Infektionskrankheiten erschwert

Der Vergleich zu anderen Infektionskrankheiten wie der Grippe werden somit erschwert. Das Robert-Koch-Institut (RKI)* schätzt in Deutschland die influenzabedingte Sterblichkeit mit statistischen Verfahren ab. Das RKI erklärt das damit, dass bei weitem nicht alle mit Influenza in Zusammenhang stehenden Todesfälle als solche erkannt, oder gar bestätigt werden. Die Zahl der Grippe-Todesfälle wird also aus der Differenz aus der Zahl aller Todesfälle, die während der Grippewelle auftreten und der Todesfallzahl, die aufgetreten wäre, wenn es keine Influenzawelle gegeben hätte, berechnet.

Jackson schlägt daher vor, alle Informationen, bei denen der Nenner auf den gemeldeten Fällen und nicht auf der geschätzten Anzahl der tatsächlich Infizierten basiert, zu verwerfen.

Corona: Berechnung der Sterblichkeit bezieht sich nur auf bestimmte Gruppen

Das dritte Problem bei der Berechnung der Sterblichkeit ist laut dem Epidemiologen, dass sie sich nur auf bestimmte Gruppen bezieht. „Der Anteil der Todesopfer bei Infektionen variiert stark zwischen verschiedenen Personengruppen und hängt insbesondere vom Alter einer Person und davon ab, ob sie an anderen Krankheiten leidet“, erklärt Jackson. Die Zahl der Toten einer bestimmten Gruppe, ließe sich somit auch nur auf eine Gruppe mit ähnlichen Merkmalen übertragen.

Darüber hinaus kritisiert Jackson die Fehleranfälligkeit vieler kleiner Studien. Ergebnisse von Corona-Untersuchungen würden häufig vorab auf PrePrint-Servern veröffentlicht und ohne unabhängige Überprüfung in den Medien thematisiert. Er relativiert, dass zu Beginn der Pandemie natürlich nur kleine Studien verfügbar gewesen seien und man das Beste daraus machen musste. Mit den heute zugänglichen Daten sei allerdings ein wesentlich besseres Arbeiten möglich.

Coronavirus: Expert erklärt: „Das bedeutet, dass Covid-19 mindestens zehnmal so tödlich ist wie die Grippe“

„Erfahrene Epidemiologen haben erkannt, dass sie Informationen verwenden müssen, die aus großen Bevölkerungsgruppen repräsentativer Menschen in einer repräsentativen Altersspanne mit repräsentativen Krankheitsbilder stammen“, stellt Jackson klar. Repräsentative Schätzungen zur Infektionssterblichkeit ließen sich nur so ableiten. Studien mit weniger als mehreren hundert Corona-Todesfällen seien nicht brauchbar, erklärt der Epidemiologe.

Jackson forscht an der University of Auckland selbst zur Infektionssterblichkeit. Sein Team nutzt, ähnlich wie das RKI, die Anzahl der Gesamttodesfälle, verglichen mit der Gesamtzahl der Todesfälle, die im gleichen Zeitraum der vergangenen Jahre normalerweise gemeldet worden wären. Das Team des Epidemiologen bezieht bei seinen Berechnungen auch verschieden hohe Dunkelziffern* mit ein. Nach Jacksons Berechnungen, die der Epidemiologe für sehr zurückhaltend hält, stirbt unter 100 Corona-Infizierten eine Person. An der Grippe sterbe eine Person unter 1000 Infizierten. Jackson schreibt abschließend: „Das bedeutet, dass Covid-19 mindestens zehnmal so tödlich ist wie die Grippe.“ (ph) *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

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