Jeder Einzelne soll Verhalten hinterfragen

Corona in Deutschland: Epidemiologe warnt vor gefährlicher Fehleinschätzung - „Hotspots nicht das wahre Problem“

In Deutschland entstehen von Zeit zu Zeit sogenannte Corona-Hotspots. Der Epidemiologe Ralf Reintjes warnt vor einer falschen Einschätzung dieser Hotspots.

  • Das Coronavirus* breitet sich in Deutschland immer weiter aus.
  • Der Epidemiologe Ralf Reintjes warnt vor einer Fokussierung auf die Corona-Hotspots.
  • Er spricht sich gegen einen zweiten Lockdown aus und fordert mehr Eigenverantwortung.

München - Immer wieder entstehen in Deutschland Corona-Hotspots mit einer 7-Tage-Inzidenz von mehr als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. Diese Hotspots bekommen oftmals eine hohe Aufmerksamkeit. Zu Unrecht, findet der Epidemiologe Ralf Reintjes. Er erklärt, warum die Hotspots nicht das wahre Problem der Ausbreitung des Coronavirus in Deutschland sind und gibt Ratschläge für den Winter.

Experte zu Coronavirus: „Alle schauen jetzt auf die Hotspots, aber die sind nicht das wahre Problem“

Laut dem neuesten Situationsbericht des Robert-Koch-Instituts (RKI) überschreiten derzeit sieben Kreise in Deutschland den kritischen 7-Tage-Inzidenz-Wert* von 50. Darunter fallen allein vier Bezirke der Hauptstadt Berlin. Ralf Reintjes, Professor für Epidemiologie und Gesundheitsberichterstattung an der Hamburger Universität für Angewandte Wissenschaften, warnte jedoch in einem Gespräch mit dem Focus: „Alle schauen jetzt auf die Hotspots, aber die sind nicht das wahre Problem.“

Bei Ausbrüchen in Hotspots sei der Ursprung meist relativ klar, beispielsweise der Ausbruch beim Fleischverarbeiter Tönnies im Juli mit mehr als 2000 Infizierten. „Da lassen sich die Kontakte gut nachverfolgen, Verdachtsfälle isolieren und damit Infektionsketten unterbrechen“, erklärte Reintjes. Die Infektionszahlen in solchen Hotspots sinken in der Regel auch nach kurzer Zeit wieder. Daher seien solche Ausbrüche wenig problematisch für das Managen der Epidemie.

Corona: Epidemiologe Reintjes warnt vor Infektionen außerhalb der Hotspots

Viel gefährlicher sei das Phänomen der Grundverbreitung des Coronavirus*. Reintjes zufolge sei diese in Deutschland sehr hoch. Die Ausbreitung sei diffus und zeige sich im ganzen Bundesgebiet, auch in Landkreisen, die über Monate frei von Corona waren. Laut RKI-Situationsbericht sind derzeit lediglich elf Kreise im Bundesgebiet ohne Corona-Fall in den letzten sieben Tagen. Das RKI warnt daher: „Wir können weiterhin schwere Erkrankungen und Todesfälle nur vermeiden, indem wir die Ausbreitung von Sars-CoV-2 verringern.“

Reintjes berichtete: „Das Problem ist, dass wir nicht wissen, woher die Infektionen außerhalb der Hotspots kommen.“ Der Situationsbericht des RKI* bestätigt diese Aussage. Man stelle Infektionen* in Zusammenhang mit Feiern, Reiserückkehrern, Alten- und Pflegeheimen, Krankenhäusern, Einrichtungen für Asylbewerber und Geflüchtete, Gemeinschaftseinrichtungen, verschiedenen beruflichen Settings und religiösen Veranstaltungen fest. Menschen infizieren sich demnach so gut wie überall.

Sieben Kreise in Deutschland haben aktuell den kritischen 7-Tage-Inzidenz-Wert von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner überschritten.

Corona in Deutschland: Reintjes kritisiert Lockerungen und appelliert an jeden Einzelnen

Für die vielen Infektionen, die sich unentdeckt verbreiten, gebe es wenig Eindämmungsmöglichkeiten, sagte Reintjes. Er sieht einen zweiten Lockdown allerdings nicht als Lösung. Es sei wichtiger, dass jeder Einzelne sein Verhalten hinterfrage. „Denn, dass wir die großen Ausbrüche verhindern oder schnell eindämmen, ist die Pflicht. Die Kür allerdings ist, dass wir uns als Gesellschaft darauf konzentrieren, dass die Übertragungswege geringer werden“, erklärte der Epidemiologe.

Der Experte kritisierte die aktuellen Lockerungen, beispielsweise die teilweise Rückkehr von Zuschauern in Fußballstadien, oder volle Einkaufszentren. Die Leute sollten ihre Kontakte kritisch hinterfragen. „Als Gesellschaft müssen wir uns den Gegebenheiten der nächsten Monate anpassen“, forderte Reintjes. Der Epidemiologe machte klar: „Wir beeinflussen durch unser Verhalten, wie sich das Virus verbreiten kann.“

Corona in Deutschland: Experte hält Einschränkungen im Winter für nötig

In den kommenden Wintermonaten müsse sich die Gesellschaft einschränken und auf manches verzichten, um die Infektionszahlen zu senken. „Doch wenn wir einmal gelernt haben, gut mit dem Virus durch den Winter zu kommen, können wir uns im Frühjahr wieder sehr viel mehr erlauben“, versicherte Reintjes. Die kalte Jahreszeit lasse sich mit der Perspektive, dass es nicht für immer sei, gut überstehen. Er zog abschließend einen Vergleich: „Im Winter ziehe ich eine Jacke an, weiß aber, dass ich im Sommer wieder im T-Shirt herumlaufen kann. Jetzt muss ich mich vor der Kälte schützen. So ist es mit dem Virus auch.“ (ph) *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

Rubriklistenbild: © Weronika Peneshko/dpa

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