Frankreich

Beispiel Paris: Wie Corona den Verkehr in Europa verändert

Eine kleine Vorschau? Durch die Corona-Pandemie gibt es aktuell kaum Staus im Zentrum. 
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Eine kleine Vorschau? Durch die Corona-Pandemie gibt es aktuell kaum Staus im Zentrum. 

In einer eiligen Aktion schafft die Metropole mehr Platz für Radlerinnen und Radler. Teile der City sollen ganz autofrei werden.

  • Coronavirus* und die Straße: Paris verändert sich
  • In Paris entstehen plötzlich breite Radwege 
  • Historische Zentrum um den Louvre könnte autofrei werden

Paris - Jahrelang galt es in Paris als unmöglich: Pläne für ein zusammenhängendes Radnetz bis in die Vororte scheiterten an allzu vielen geographischen und administrativen Hürden. Doch am vergangenen Wochenende staunten die Bewohnerinnen und Bewohner der französischen Hauptstadt dann nicht schlecht.

In Paris sollen 50 Kilometer neue Radwege entstehen

In einer eiligen Aktion verwandelten städtische Arbeiterinnen und Arbeiter die rechte Fahrspur zahlreicher Boulevards und Einfallachsen mit gelber Farbe und Plastikpollern in breite Radwege. Was früher massive Proteste von Autofahrerinnen und -fahrern nach sich gezogen hätte, wird nun anstandslos geschluckt.

Zur Sicherheit präzisierte Bürgermeisterin Anne Hidalgo, die strahlend gelben Radspuren seien nur „vorübergehend“. In Frankreich verwandeln sich solche Provisorien allerdings oft in dauerhafte Lösungen. Auf jeden Fall werden so bis Juni in Paris 50 Kilometer neue Radwege entstehen. Und sie dürften reichlicher genutzt werden als bisher. Radeln liegt landesweit im Trend.

Paris: Bürgermeisterin treibt „grüne“ Verkehrspolitik voran – bestärkt durch Corona

Seit Montag schenkt die französische Regierung Fahrradbesitzerinnen und Besitzern außerdem 50 Euro für die Instandsetzung ihres alten Stahlrosses. Hidalgo treibt ihre „grüne“ Verkehrspolitik mit aller Entschlossenheit voran – bestärkt durch Corona

Im Lockdown ist die Luftverschmutzung erstmals seit langem wieder auf akzeptable Werte gesunken. Autostaus gibt es momentan kaum mehr. Die rotgrüne Stadtregierung versucht seit bald zwanzig Jahren, den Autoverkehr aus der Innenstadt zu drängen.

Hidalgo untersagt älteren Dieselmotoren die Zufahrt nach Paris

Die Expressstraßen entlang der Seine-Ufer hat sie bereits Fußgängerinnen und Flaneuren übergeben. Älteren Dieselmotoren untersagt sie die Zufahrt nach Paris. Sollte Hidalgo bei den – vermutlich noch in diesem Sommer abgehaltenen – Kommunalwahlen wiedergewählt werden, will sie das historische Zentrum um den Louvre ganz autofrei machen. Zugelassen wären in den vier zentralen Arrondissements nur noch Fahrräder und Elektrobusse – speziell für Touristinnen und Touristen.

Um Autos vor den Toren von Paris zu halten, hat Hidalgo zudem bei den Metro-Endstationen um Paris 2000 neue Park-and-Ride-Plätze geschaffen, für Inhaberinnen und Inhaber einer Monatskarte sind sie unentgeltlich. Und wenn es in Paris nach der Pandemie wieder zu Staus kommt, will Hidalgo nur noch die Hälfte der Autos in die City lassen, gerade Nummern an einem Tag, ungerade am nächsten.

Corona macht nicht alles möglich, auch in der Pariser Verkehrspolitik nicht

Diese Neuerung müssen die Arbeitspendlerinnen und -pendler aus den Vororten erst noch schlucken. Anne Hidalgo muss zudem achtgeben, dass sie mit ihrer Bremspolitik gegen fossile Motoren den Andrang auf die S-Bahnen und die Metro der Stadt* nicht zu sehr verstärkt – denn diese haben momentan schon genug Mühe, den virusbedingten Sicherheitsabstand zwischen den Fahrgästen zu gewährleisten.

Corona macht nicht alles möglich, auch in der Pariser Verkehrspolitik nicht. Für die vielen Pendlerinnen und Pendler, die zwanzig oder dreißig Kilometer außerhalb von Paris wohnen, ist das Fahrrad undenkbar. Die Bahn verleitet aber wegen der aktuellen Angst vor Ansteckung auch nicht zum Umsteigen. Auch wenn der Pariser Stadtkern mit seinen 100.000 Einwohnerinnen und Einwohnern bald autofrei wird, gilt das nicht so schnell für die Agglomeration mit zwölf Millionen Menschen.

Von Stefan Brändle

*fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

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