Experten empfehlen Vakzin auch weiterhin

AstraZeneca-Impfstoff: Wirksamkeit durch diesen „Trick“ besser?

Der Corona-Impfstoff von Astrazeneca steht in der Kritik – nicht nur wegen seiner Nebenwirkungen, auch wegen der Wirksamkeit. Kann ein längeres Dosierungsintervall die Wirkung des Impfstoffes verbessern?

Update, 23. Februar: Der britische Astrazeneca-Impfstoff hat in Deutschland momentan nicht den besten Ruf. Obwohl Impfstoffe im Allgemeinen in Deutschland derzeit sehr knapp sind, haben Impfzentren zuletzt berichtet, dass viele Menschen ein Impfangebot ausgeschlagen haben. Der Grund: Die Skepsis gegenüber dem Astrazeneca Impfstoff steigt, sowohl aufgrund seiner Nebenwirkungen, als auch wegen der geringeren Wirksamkeit, die dem Impfstoff im Vergleich zu anderen zugesprochen wird. Eine einfache Abänderung bei der Verabreichung des Impfstoffes soll nun dafür sorgen, dass die Wirkung des Astrazeneca Vakzins verbessert wird.

Eine Analyse aus vier klinischen Studien kommt im Lancet, einer der ältesten und renommiertesten medizinischen Fachzeitschriften der Welt, zu dem Ergebnis, dass die Schutzwirkung des Astrazeneca-Impfstoffs nach der ersten Dosis bis zu einem Dosierungsintervall von drei Monaten langsam zunimmt. Nach der zweiten Dosis kommt es zu einem weiteren Anstieg, wie das Ärzteblatt berichtet.

Wieso wirkt der Astrazeneca Impfstoff besser durch ein längeres Dosierungsintervall?

Der Astrazeneca-Impfstoff wurde an der Oxford Universität in England entwickelt. Das Vakzin von Astrazeneca ist im Gegensatz zu den Impfstoffen von Biontech/Pfizer oder Moderna kein mRNA-Impfstoff. Der britische Impfstoff „ChAdOx1 nCoV-19“ nutzt ein Adenovirus von Schim­pansen, um die Gene für die Impfstoffproduktion in die menschlichen Zellen zu schleusen. Eigentlich war der Impfstoff von Astrazeneca nur für eine 1-Mal-Gabe entwickelt worden. In der Phase-1-Studie stellte sich jedoch heraus, dass eine zweite Dosis die Antikörperantwort verstärken kann.

Bei weiteren Studien wurde allerdings nicht bedacht, dass das Immunsystem nach der ersten Dosis auch Antikörper gegen das Adenovirus bildet und damit die Wirkung einer zweiten Dosis abschwächt, wenn sie mit demselben Adenovirus erfolgt. Dadurch kam es bereits im November zu einem paradoxen Ergebnis bei der klinischen Studie: Die beste Impfstoffwirksamkeit konnte bei Probanden erzielt werden, die beim ersten Impftermin nur die halbe Impfdosis erhalten hatten. Bei Probanden, die bei beiden Terminen die volle Dosis erhielten, war die Impfstoffwirksamkeit deutlich abgeschwächt.

Eine weitere explorative Analyse zeigt zudem, dass der Verzicht auf eine zweite Impfdosis dafür sorgt, dass nach über drei Monaten nach der ersten Verabreichung des Impfstoffs die Wirksamkeit des Impfstoffs nachließ. Daher wird es als unproblematisch eingeordnet, die zweite Dosis auf bis zu drei Monate nach der ersten zu verschieben. Tatsächlich erhöht sich nach den neuesten Analysen sogar die Wirksamkeit, je größer der Abstand zwischen der ersten und zweiten Impfung ist – solange ein Abstand von drei Monaten nicht überschritten wird.

AstraZeneca-Impfstoff: Mehr Nebenwirkungen? Misstrauen vor der Corona-Impfung wird größer

Erstmeldung, 19. Februar: Wer eine Corona-Impfung wünscht und sogar einen der begehrten Termine bekommt, der dürfte eigentlich kaum einen Grund haben, nicht hinzugehen. Und trotzdem wurden zuletzt Hunderte Impftermine einfach nicht wahrgenommen. Die Impfwilligen erschienen ohne Grund nicht zur geplanten Impfung. Ohne Grund? So ganz scheint das nicht zu stimmen. Denn offenbar wollten sich die Menschen nicht mit dem Vakzin des Herstellers Astrazeneca impfen lassen. Die Skepsis in Sachen Wirksamkeit und vor allem Nebenwirkungen des Impfstoffs stieg zuletzt rasant an. Experten empfehlen ihn aber weiterhin, wie echo24.de* berichtet.

Astrazeneca: Nebenwirkungen schlimmer als gedacht? Skepsis vor Corona-Impfung

In Schweden wurde die Verabreichung des Astrazeneca-Impfstoffs in einigen Regionen vorübergehend gestoppt*, nachdem Personalnotstand in Kliniken herrschte, berichtet auch merkur.de* im Newsticker. Zuvor hatten sich Mitarbeiter in den Krankenhäusern wegen Nebenwirkungen nach der Corona-Impfung krankgemeldet. Auch in Deutschland kam es zu mehreren Ausfällen nach der Impfung mit dem Vakzin von Astrazeneca. In Braunschweig waren in einer Klinik rund 40 Prozent der Mitarbeiter nach einer Impfung kurzzeitig arbeitsunfähig, berichtet die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Nun haben offenbar viele Sorgen, dass die Nebenwirkungen von Astrazeneca deutlich extremer sind oder häufiger auftreten, als erwartet. Den Impfstoff haben die britische Universität Oxford und das Unternehmen Astrazeneca gemeinsam entwickelt. Die britische Regierung hatte nach der Notfallzulassung des Vakzins in Großbritannien, den Beipackzettel des Impfstoffs veröffentlicht. Demnach unterschieden sich die dort angegeben möglichen Nebenwirkungen kaum von denen, die auch beim Biontech-Impfstoff angegeben sind, obwohl die Vakzine im Körper anders wirken*.

  • Kopfschmerzen
  • Fieber
  • Schwächegefühl
  • Schwindel, Übelkeit, allgemeines Unwohlsein
  • Schmerzen, Blutergüsse, Wärme, Rötungen und Juckreiz an der Injektionsstelle
  • erhöhte Schmerzempfindlichkeit
  • Muskelschmerzen
  • Appetitlosigkeit
  • Anschwellen der Lymphknoten

Nebenwirkungen Astrazeneca-Impfstoff: Zahlreiche Menschen nach Corona-Impfung krank

Bei den oben erwähnten Ausfällen von medizinischen Mitarbeitern waren solche Nebenwirkungen, die es auch bei vielen anderen Impfstoffen oder Medikamenten geben kann, aufgetreten. So klagten etwa 30 Angestellte einer Klinik in Niedersachsen über Kopfschmerzen, Fieber und Müdigkeit. 164 weitere hatten die Corona-Impfung mit dem Astrazeneca-Wirkstoff offenbar problemlos vertragen. Auch beim Impfstoff mit Biontech hatte es übrigens vereinzelt heftige Reaktionen auf die Corona-Impfung gegeben. In Norwegen gab es sogar eine Warnung für bestimmte Personengruppen.

Dennoch kann beim Astrazeneca-Impfstoff von unerwartet starken Nebenwirkungen gesprochen werden, weil so viele Menschen von ihnen betroffen sind. Das Paul-Ehrlich-Institut, das in Deutschland für die Kontrolle von Impfstoffen wie dem Vakzin von Astrazeneca zuständig ist, prüfte deshalb nach. Das Ergebnis: Es wurden keine besonderen Bedenken geäußert. Auch das Robert-Koch-Institut weist darauf hin, dass Nebenwirkungen nach Corona-Impfungen, wie nach jeder anderen Impfung auch, auftreten können.

Astrazeneca-Impfstoff: Skepsis wegen Nebenwirkungen laut Experten unbegründet

„Viele sehen ihn unberechtigterweise als Impfstoff zweiter Klasse“, sagte Virologe Christian Drosten unlängst über den Astrazeneca-Impfstoff im Podcast „Coronavirus-Update“ von NDR-Info. Die verfügbaren Impfstoffe seien sogar extrem gut gegenüber dem, was man erwarten konnte. „Es gibt immer irgendwo ein Haar in der Suppe, und manche schauen da mit dem Vergrößerungsglas drauf.“ Drosten sprach sich gegen Bedenken gegen den Astrazeneca-Impfstoff aus und für einen breiten Einsatz des Präparats.

Viele sehen ihn unberechtigt als Impfstoff zweiter Klasse.

Christian Drosten über den Astrazeneca-Impfstoff im Podcast „Coronavirus-Update“ von NDR-Info

Dass es beim Impfen zu Nebenwirkungen kommt, ist durchaus normal. Unter Umständen kann dies sogar als positives Zeichen gewertet werden. Denn es bedeutet, dass im Körper tatsächlich etwas in Gang gesetzt wird und er mit dem Impfstoff arbeitet. Dennoch erschreckt die Anzahl der von Nebenwirkungen betroffenen Menschen. Astrazeneca prüft zwar nach eigenen Angaben, kann sich die Häufung aber bislang eigentlich nicht erklären. Bei den Studien hatten nur etwa zehn Prozent der Testpersonen nach einer Corona-Impfung Nebenwirkungen gezeigt.

Astrazeneca-Impfung: Nebenwirkungen „reine Kopfsache“? Schlechter Ruf verantwortlich?

Zurückzuführen sei dies auf „reine Kopfsache“, wie ntv mit Bezug auf Psychologieprofessor Winfried Rief berichtet. Demnach glaube er, dass Nebenwirkungen nach einer Corona-Impfung mit dem Wirkstoff von Astrazeneca auch auf einem psychologischen Effekt beruhen könnten. Verantwortlich dafür könnte die zuletzt so schlechte Presse sein. „Mittlerweile mehren sich die Hinweise, dass Astrazeneca wohl tatsächlich ein Imageproblem hat“, schreibt ntv. Und Rief erklärt: Auch in den klinischen Studien zu den Corona-Impfungen sei aufgefallen, dass der Kopf eine Rolle spielen könnte. So hätten auch Leute aus der Placebogruppe Nebenwirkungen entwickelt. Und das, obwohl sie ja gar keinen Impfstoff verabreicht bekommen hatten.

Inhaltsstoffe Astrazeneca-Impfstoff:

L-Histidin L-Histidinhydrochlorid-Monohydrat Magnesiumchloridhexahydrat Polysorbat 80 Ethanol Saccharose Natriumchlorid Dinatriumedetatdihydrat Wasser

Experten empfehlen Astrazeneca trotz seines schlechten Rufs auch weiterhin. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn trat Zweifeln an dem Corona-Impfstoff ebenfalls klar entgegengetreten. „Ein sicherer und wirksamer zugelassener Impfstoff schützt“, sagte der CDU-Politiker. Das gelte für alle drei bisher in der Europäischen Union zugelassenen Präparate von Astrazeneca, Moderna und Biontech/Pfizer. Sich impfen zu lassen, sei in dieser Pandemie ein Gebot der Vernunft. „Wer damit wartet, riskiert, schwer zu erkranken, und er riskiert auch, das Virus weiter zu verbreiten.“ Spahn appellierte an Pflegekräfte und Ärzte, Impfangebote zu nutzen. Er warnte davor, Skepsis zu nähren. Man müsse jetzt ein bisschen aufpassen, dass man sich auch als Gesellschaft nicht „in etwas hineinrede“ und eine Impfung mit einem zugelassenen und wirksamen Stoff infrage stelle.

Corona-Impfung mit Astrazeneca: Hälfte der Personen ließ im Saarland Impftermine platzen

Zuvor hatte bereits die saarländische Gesundheitsministerin Monika Bachmann kritisiert, dass bei „Sonderimpfungen im medizinischen“ Bereich von 200 zur Corona-Impfung angemeldeten Personen 54% nicht erschienen waren. Ohne, auch nur den Termin abzusagen. Ob der Grund nun tatsächlich das Vakzin von Astrazeneca war? Fest steht, dass zwar die Nebenwirkungen nicht berechtigt zur Skepsis beitragen, der Impfstoff aus Großbritannien aber tatsächlich weniger wirksam ist, als seine Konkurrenten von Biontech/Pfizer und Moderna.

HerstellerWirksamkeit
Astrazeneca82 Prozent
Biontech/Pfizer95 Prozent
Moderna94 Prozent

In Deutschland hatte die Impfkommission das Vakzin des britisch-schwedischen Konzerns nur für unter 65-Jährige empfohlen, weil zur Wirksamkeit bei Älteren Erkenntnisse fehlen. Während die Mittel von Moderna und Biontech eine Wirksamkeit von 94 und 95 Prozent haben, sind es bei Astrazeneca nach einer neuen Studie nach der zweiten Impfung bis zu 82 Prozent. Doch das ist nicht gleichbedeutend damit, dass der Impfstoff von Astrazeneca mehr als zehn Prozent schlechter wirkt.

Astrazeneca: Weniger wirksam bei leichtem Verlauf, aber schützt zuverlässig vor schwerer Erkrankung

Zum einen hatten sich die Studien von Biontech/Pfizer und Moderna leicht von denen von Astrazeneca unterschieden. Zum anderen ist nicht ausgeschlossen, dass der Impfstoff der britisch-schwedischen Kooperation zwar leichte Corona-Erkrankungen nicht so gut verhindern kann, aber bei schweren Verläufen ähnlich wirksam ist, wie die Vakzine der Konkurrenz. Zudem muss man verdeutlichen: Grippe-Impfstoffe erweisen sich in Studien oft als deutlich weniger wirksam, als die Corona-Impfungen. Dennoch gelten sie als sinnvoller Schutz und sind breiter in der Bevölkerung anerkannt.

Ist der Impfstoff von Astrazeneca nun tatsächlich besser als der schlechte Ruf, der ihm vorauseilt? Darüber gibt es geteilte Meinungen. Wegen des noch herrschenden Impfstoffmangels kann sich vorerst aber in jedem Fall niemand aussuchen, mit welchem Wirkstoff die Corona-Impfung verabreicht wird. Ob eine Impfung überhaupt erfolgen soll oder nicht, ist aber weiterhin jedem selbst überlassen. Eine Impfpflicht gegen das Coronavirus gibt es in Deutschland nicht. *echo24.de und merkur.de sind Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Rubriklistenbild: © Danny Lawson/dpa/PA Wire

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