Schriftsteller Georg Veit veröffentlicht Gedichtband „Berkel. Selbstgespräche“

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Der Coesfelder Schriftsteller Georg Veit veröffentlicht seinen neuen Gedichtband „Berkel. Selbstgespräche“

Coesfeld. „Das Notizbuch ist die Sparbüchse des Dichters“, so heißt es bei Walter Kempowski, dem der Coesfelder Schriftsteller Georg Veit zustimmt. „Ich habe immer ein Notizbuch dabei, um meine Gedanken zwischendurch festhalten zu können. Oft fällt mir plötzlich im Zug oder auf dem Fahrrad ein passendes Wort ein, nach dem ich gesucht habe.“ Oder ein besonderes Bild oder eine ganz alltägliche Situation, die es wert seien, aufgeschrieben zu werden. Denn: „Schließlich ist ein Ausgangspunkt von Lyrik die kleinen vergänglichen Momente, die uns jeden Tag umgeben, sogenannte ‚große Kleinigkeiten‘, die die Lyrik zu schildern versucht“, sagt Georg Veit.

Kleine Momente und einzelne Bilder hält er auch in seinem neuen und inzwischen dritten Gedichtband „Berkel. Selbstgespräche“ fest, erschienen im Longinus-Verlag in diesem Januar. „Doris Röckinghausen hatte mich gefragt, ob ich Lust hätte einige Gedichte für ihren Berkelband ‚Berkel – Mein Leben als Fluss‘ zu schreiben. Zwei von den Gedichten wurden in diesem Buch veröffentlicht. Mein neues Gedichtheft erhält nun alle neun Gedichte, die ich über die Berkel geschrieben habe.“ Im September 2015 begann er seine Recherche-Arbeit, reiste entlang der Berkel von Billerbeck bis ins niederländische Zutphen – das Notizbuch natürlich immer griffbereit – und stellte erste Überlegungen an. „Das Schwierigste beim Dichten ist immer, den richtigen Grundton zu finden“, sagt Veit. „Lyrik ist wie die Musik, das Gedicht bildet einen Klangkörper. Wenn ich einmal den richtigen Ton gefunden habe, dann fließt es.“ Nach einem Monat war das erste Gedicht fertig und Veit hatte seinen passenden Grundton gefunden. „Die Gedichte sind Selbstgespräche des Flusses, in denen die Berkel sich selbst mit ‚du‘ anspricht. Außerdem gibt es eine strenge Rhythmisierung in Form des Wanderdaktylus – jambische Verse, die einen Daktylus (eine betonte mit zwei unbetonten Silben) hat, der von Vers zu Vers immer eine Stelle weitergeht wie eine Welle“, erklärt der dreimalige Familienvater. „Die Gedichte laufen wie ein Fluss aus. Es gibt keine Punkte am Ende, sodass sie ineinander übergehen und ein Kreislauf entsteht.“

Nicht nur die Form, auch die Sprache spielt eine besondere Rolle. „Als Lyriker spiele ich mit den Worten, wäge jedes einzelne Wort ab, versuche, Klangkorrespondenzen zu finden, um die Verse zusammenzubinden. Reime gibt es in diesen Gedichten nicht. Und immer wieder streiche ich das, was ich bereits geschrieben habe“, sagt der Coesfelder und fügt augenzwinkernd hinzu: „Aber es heißt ja auch, die Qualität des Dichters liegt in der Menge der Streichungen.“

Beginnend mit Kilometer 111 arbeiten sich die Gedichte bis zum Kilometer 0 der Berkel vor. „Die Benennung nach den Kilometern bringt die Technisierung der Berkel zum Ausdruck.“ In Billerbeck beginnt das „Berkel-Leben“ mit der Geburt, in ihrer Jugend trifft die Berkel auf erste Widerstände (Coesfeld), erfährt das erste Mal Gewalt und Liebe, wird geschäftstüchtig, gebärt ein Kind, erlebt Krankheit und stirbt. „Doch dieser Tod ist eher im asiatischen Verständnis zu sehen und nicht als Ende“, so Veit. Oder in Worten der Berkel: „Ich kehre lächelnd als die Andersselbige wieder.“

Die neun Gedichte handeln von den neun bedeutenden Berkelorten – fünf auf deutscher, vier auf niederländischer Seite. Das spiegelt sich auch in den Gedichten: Von dem ersten bis neunten Gedicht tauchen immer mehr niederländische Wörter auf, von einem Wort bis schließlich vier Versen. Ob er selbst Niederländisch spricht? „Ich lerne ein bisschen Niederländisch, weil ich beruflich viel mit der Euregio zu tun habe und es daher brauche“, sagt der ehemalige Lehrer des Gymnasiums Nepomucenum, der seit Mai 2014 als Kulturdezernent der Bezirksregierung Münster tätig ist. „Beruflich habe ich momentan viel zu tun und kaum Zeit, am Stück zu arbeiten.“ Für das Schreiben – zum Beispiel an einem Roman – benötige er daher einen ziemlich langen Zeitraum. Dennoch plant er schon ein größeres Projekt. „Wahrscheinlich wird es ein Romanprojekt, aber mehr verrate ich noch nicht“, sagt er schmunzelnd.

Ohne Schreiben könne er nur schlecht leben. „Da ist eine Leidenschaft in mir, die mich immer wieder drängt, etwas Neues zu schreiben.“ Schon mit zehn Jahren verfasste er seine ersten Gedichte – „hübsche Frühlingsgedichte waren das“ –, beschäftigte sich im Studium intensiv mit Poetologie und interessierte sich immer mehr für zeitgenössische deutsche Lyrik. „Ich lese auch heute noch regelmäßig Gedichte – durchaus auch mit Interpretationen. Man muss in Übung bleiben. Schließlich ist das Dichten ein Handwerk, an dem man arbeiten muss.“

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